Musik vor 1600 - 2013_wise_menzel
6. Dezember 2013, 14:00 Uhr
Dr. Stefan Menzel
(Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena)

Diversi diversa orant.
Kirchenmusikpflege unter den Naumburger Bischöfen
Nikolaus von Amsdorf und Julius von Pflug

Die Domstadt Naumburg zählte zu den exponierten Schauplätzen der Reformation in Mitteldeutschland. Exponiert deshalb, da die Konfessionskultur der Saalestadt seit dem frühen 16. Jahrhundert vom Mit- und Gegeneinander einer protestantischen städtischen Gemeinde und eines altkirchlichen Domkapitels geprägt war. An diesem Zustand vermochte weder die 1542 auf kurfürstlichen Druck erfolgte Einsetzung Nikolaus‘ von Amsdorf als ersten protestantischen Bischof, noch die 1547 infolge des Schmalkaldischen Krieges vollzogene ›Rekatholisierung‹ des Bischofsamtes unter Julius von Pflug etwas Wesentliches zu ändern. Während hinsichtlich der liturgisch-musikalischen Praxis in der städtischen Kirche zu St. Wenzel schon 1527 mit einer dem lutherischen Modell nahestehenden Gottesdienstordnung klare Verhältnisse geschaffen wurden, bewirkte die besondere konfessionspolitische Situation, dass im Naumburger Dom protestantischer und altkirchlicher Kult eine aus moderner Sicht ungewöhnliche Melange bildeten.

Diese ist insofern nach ihren spezifischen Voraussetzungen und Konsequenzen zu befragen, da sie sich trotz hier und da aufbrechender Konflikte offenkundig als tragfähiges Modell erwies: Im Kirchenraum des Naumburger Doms erklangen noch im 19. Jahrhundert evangelische Kirchenlieder neben lateinischen liturgischen Gesängen.

Dieser Vortrag zeichnet die Entstehung dieser ›liturgisch-musikalischen Janusköpfigkeit‹ anhand zentraler Quellen der Naumburger Reformationsgeschichte nach. Dabei geht es in erster Instanz um die Gewinnung einer Perspektive, welche sich den mannigfaltigen Gestalten öffnet, die für das Zusammenspiel von Liturgie und Musik im Mitteldeutschland des 16. Jahrhundert nachweisbar sind. Nicht das konfessionelle Schwarz-Weiß, sondern die im komplexen Zusammenspiel regional- und reichspolitischer, aber auch kommunitaristischer und frömmigkeitskultureller Interessen entstandenen Grautöne sind es, die von der Peripherie des musikkulturellen Geschichtsbildes ins Zentrum eines neuen Forschungsinteresses gerückt werden sollen.