Musik vor 1600 - 2013_wise_schabram
6. Dezember 2013, 16:30 Uhr
Dr. Kai Marius Schabram
(Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena)

Gibt es eine »lutherische« Musikgeschichtsschreibung?
Überlegungen zu Sethus Calvisius’ »Exercitationes musicae duae«

Im Jahre 1600 legte der Leipziger Thomaskantor Sethus Calvisius seine Exercitationes musicae duae vor, deren zweiter Teil den Titel »De initio et progressu musices« trägt. In der Forschungsliteratur wird die Abhandlung häufig als Beginn der »modernen« Musikhistoriographie beschrieben, da hier (u.a.) erstmals der Versuch unternommen wird, mithilfe chronologischer Studien eine konsistente Entwicklungsgeschichte der Musik von ihren mythisch-biblischen Ursprüngen bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zu rekonstruieren.

Der Vortrag möchte nicht nur die Anfänge des musikgeschichtlichen Schrifttums im mitteldeutschen Raum beleuchten, in dem Calvisius aufgrund seiner beruflichen Personalunion als Chronologe, Musikpädagoge und Historiker eine diskursstarke Stellung einnahm. Darüber hinaus sollen Calvisius’ musikhistoriographische Studien vor dem Hintergrund des im 16. Jahrhundert stetig wachsenden Schrifttums genuin lutherischer Universalgeschichtsschreibungen diskutiert werden, die maßgeblich zur Stiftung eines konfessionellen Identitätsbewusstseins beigetragen haben.

Calvisius’ Amtsantritt als Thomaskantor (1594) fiel in eine turbulente Zeit, in der Leipzig von mitunter blutigen Machtkämpfen zwischen den protestantischen Lagern der Lutheraner und der Kryptocalvinisten beherrscht wurde. Nachdem sich schließlich die Lutheraner in den auch politisch motivierten Konfessionskämpfen erfolgreich durchgesetzt hatten, konnte folglich nur ein linientreuer Vertreter im renommierten Amt des Thomaskantorats geduldet werden. Insofern sollen die Exercitationes von Calvisius nicht nur als potentieller Beitrag zu einer lutherisch inspirierten Geschichtskonstruktion, sondern auch vor dem Hintergrund der politisch wie konfessionell windungsreichen Machtkonflikte im Musikzentrum Leipzig diskutiert werden.