Musik vor 1600 - 2016_wise_troester
15. Januar 2016, 17:00 Uhr
Dr. Sonja Tröster
(Institut für Musikwissenschaft, Universität Wien)

Zu einer neuen Klassifikation des Cantus-firmus-Liedes
im 16. Jahrhundert

Im frühen 20. Jahrhundert etablierte sich in der Musikwissenschaft für die Klassifikation von Liedtexten, Melodien und Liedsätzen des 16. Jahrhunderts ein dichotomes Denkmodell von Hofweise und Volkslied. Diese Einteilung ist bis heute beibehalten worden, obwohl mehrfach Bedenken sowohl an der Systematik als auch der Terminologie geäußert wurden. In diesem Vortrag wird nun ein neuartiges Klassifikationsmodell vorgestellt, das auf der Unterscheidung von drei Stilregistern beruht und darüber hinaus eine weitere Untergliederung zur detaillierten Erfassung des Repertoires bietet. Als Ausgangspunkt des Modells dient erstmals nicht ein isolierter Text oder eine Melodie, sondern die mehrstimmige Faktur des Satzes. Diese Perspektive ermöglicht einerseits eine Fokussierung auf die polyphone Ausgestaltung der Liedsätze und öffnet andererseits den Blick für die unterschiedlichen Optionen, die einem Komponisten offen standen, um auf neu geschaffene oder übernommene Melodien einzugehen. Besonders bei der Erschließung größerer Liedkorpora erweist sich die neue Klassifikation als ein effektives Instrument, was anhand verschiedener Beispiele präsentiert werden soll.